Gedanken zum Tag

helmut
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Aufatmen nach bald zwei Monaten. Die Geschäfte haben wieder geöffnet, die Straßen sind wieder belebter und sogar die Bundesliga ist wieder in Sichtweite. Das alles ist nicht wie früher, aber immerhin. Wir können unsere Enkel wieder treffen. Es war ja schon bizarr: da wohnen wir von der Familie des Sohnes 10 Minuten zu Fuß entfernt und mußten uns mit einem Treffen von Balkon zu Straße begnügen. Ostern: Versteckte Osternester im Vorgarten, dirigieren der Suche vom Balkon aus. 50. Geburtstag des Sohnes – an ein größeres gemeinsames Feiern war nicht zu denken. Was blieb war ein großer Gartentisch, um den sich die Familie gruppierte, die Großeltern in 2 m Abstand immerhin mit Kuchen und Tee. Das ist nun vorbei, auch wenn weiter die Vorsichtsmaßnahmen gelten.

Aufatmen auch an anderer Stelle: Dass Mittagsgebet in der Goldschmiedekapelle ist wieder möglich, auch das unter Vorsichtsmaßnahmen – in gehörigem Abstand und mit Mundschutz. Psalmen und biblische Lesungen haben einen ganz neuen Klang bekommen sagt einer. Lieder und Gebete werden zu einer unmittelbaren Ansprache. Sich unter dem Segen Gottes wieder in den je eigenen Alltag aufmachen zu können tut einfach gut.

Das ist noch keine Rückkehr zum Leben wie wir es kannten ehe das Virus über uns kam. Aber es ist ein Schritt, der Hoffnung macht.

Wo atmen Sie auf?

Aus der Sicht eines alten Ehepaares ist aber auch zu sagen: Es gab auch positive Seiten: Die Zeit war frei von Verpflichtungen und das Leben hatte sich verlangsamt und beruhigt.

Helmut Jehle

 

Weitere "Gedanken zum Tag"

 

Heute ist mein Mann mit meinen Söhnen Fußball spielen gegangen. Oder einen Staudamm bauen, so genau wussten sie es noch nicht. Ich wollte in der Zeit noch schnell ein paar Löwenzähnen im Garten den Garaus machen und dann die Ruhe im Haus nutzen, um etwas zu arbeiten und dann noch eine Runde laufen gehen. Vielleicht dazwischen noch den Salat für‘s Abendessen vorbereiten.
Als ich mit dem Löwenzahn fertig war, stellte ich fest, dass die Terrassentür von innen verschlossen war. Ich kam nicht mehr ins Haus, hatte keinen Schlüssel, kein Telefon, nichts. Da waren nur der Garten, die Gartenwerkzeuge und ich. Halb so schlimm, das Wetter war schön, und wie lange würden sie schon weg bleiben? Eine Stunde? Eineinhalb? Ich beschloss, das Ganze positiv zu sehen: Was für eine glückliche Fügung eigentlich, ist doch sonst alles wichtiger als die Gartenarbeit!
Es dauerte nicht lange, bis sich mir erste Parallelen zwischen meinem Ausgeschlossensein und der Corona-Krise aufzudrängen begannen. Was auch sonst? Gibt es noch ein anderes Thema in der Welt?
Im von mir seit langem ignorierten hintersten Eck des Gartens entdeckte ich, dass unter der Rinde unseres alten Zwetschgenbaums Efeu wuchs, der erst auf 1,50 m Höhe nach außen drang und damit sichtbar wurde… Wie ein Corona-Patient, der schon lange infektiös ist, bevor er die ersten Symptome zeigt. Wie lautet wohl die Reproduktionszahl von Giersch? Von R=1 kann man da wohl nur träumen. Die Anzahl der Blätter jedenfalls hat sich in der letzten Woche mindestens vervierfacht. Warum kümmert sich niemand um Masken, die verhindern, dass Pusteblumen ihre Samen in den ganzen Garten verteilen? Wie kann man Gartenpersonal effektiv vor diesen unglaublich lästigen kleinen Fliegen schützen? Und natürlich: erzwungene Entschleunigung als Chance. Auf sich zurückgeworfen sein – gar nicht schlecht! Diese Ruhe!
Dann allerdings erinnerte ich mich an einen Artikel, den ich vor zwei, drei Wochen in der FAS gelesen habe. Die Autorin monierte, dass nun alle Welt versuche, der Krise etwas Positives abzugewinnen und das dann in Texten, die selten über das Niveau von Poesiealbum-Sprüchen hinausgingen, auch noch öffentlich mache. Ich hatte mich beim Lesen ein bisschen ertappt gefühlt. Hatte ich nicht auch schon öfters geschwärmt, dass ich praktisch keinen Stress mehr mit den Kindern habe, seit wir nie mehr pünktlich irgendwo sein müssen? Freue ich mich nicht auch über den Himmel ohne Kondensstreifen? Vielleicht sollte ich das in Zukunft besser für mich behalten?
Also Schluss, Efeu ist Efeu, Giersch ist Giersch, Löwenzahn ist Löwenzahn, und sie alle wachsen wirklich sehr, sehr schnell. Eine Stunde im Garten ist in absolut keiner Weise vergleichbar mit dem Lock-down ganzer Volkswirtschaften. Eines hatte mein persönlicher Lock-out aber doch gemeinsam mit unser aller Corona-Krise: Er dauerte länger, als ich es mir anfangs vorgestellt hatte. Die Herren haben Fußball gespielt UND einen Staudamm gebaut.

Birte Boullay

 

 

Anfang dieses Jahres haben meine Schwester und ich uns auf einer längeren Autofahrt ausgemalt, wie es wäre, wenn jemand für ein Jahr das Internet ausstellte - weltweit. Wir waren uns schnell einig, dass einige wichtige Funktionen erhalten bleiben müssten; aber wie wunderbar wäre es, wenn nicht mehr jedes Ereignis und jede Äußerung in Echtzeit veröffentlicht und x-fach kommentiert würde; wenn Facebook und Twitter wieder durch Treffen, Telefonate und Pressemeldungen ersetzt würden. Wie viele sinnlose Trends würden gar nicht erst entstehen; wie unaufgeregt und entschleunigt würde der politische und gesellschaftliche Diskurs stattfinden; wie gut täte es dem örtlichen Einzelhandel, der Umwelt, den Kindern… Die (fast) internetfreie Welt, die wir uns ausmalten, war schön!
Wer hätte ahnen können, dass binnen weniger Wochen tatsächlich die Welt auf den Kopf gestellt würde. Zwar unter anderen Vorzeichen, nämlich durch ein Virus, das uns zu jenem Zeitpunkt nur aus kurzen Tagesschau-Meldungen vom anderen Ende der Welt bekannt war; aber doch in der Art, dass jeder, aber auch wirklich jeder Mensch auf der Erde davon auf die eine oder andere Weise betroffen ist. Das von uns in unserem Tagtraum als verantwortlich für alle möglichen Übel unserer Zeit geschmähte Internet ermöglicht nun Großeltern und Kindern, sich wenigstens auf einem Bildschirm zu sehen. Es hilft Schülern, bei geschlossenen Schulen weiter zu lernen. Es eröffnet Künstlern und Musikern neue Wege, mit ihrem Publikum in Verbindung zu treten. Es sorgt dafür, dass unzählige Neuinfektionen nicht stattfinden, weil Menschen von zu Hause aus arbeiten können. Es vernetzt Wissenschaftler weltweit, die mit seiner Hilfe Daten übertragen und sich austauschen können.
Hier sitze ich, nachdem ich heute Vormittag einen Gottesdienst online gesehen habe und werde diese Gedanken gleich per Mail abschicken, damit sie auf der Website von St. Anna erscheinen, und freue mich, dass unser Tagtraum vom Januar nicht Wirklichkeit geworden ist. Wir alle werden heilfroh sein, wenn die Corona-Gefahr eingedämmt ist (ich wage nicht, tagzuträumen, auf welche Weise das geschehen könnte), wenn wir uns wieder persönlich begegnen und vielleicht sogar in den Arm nehmen können, wenn die Kinder wieder über den Schulhof laufen und Kollegen wieder ein Schwätzchen am Kopierer halten können, wenn all die abgesagten Taufen, Konfirmationen, Geburtstagsfeiern, Konzerte, Opern und Fußballspiele nachgeholt werden. Aber was für ein Glück, dass wir in der Zwischenzeit miteinander in Kontakt bleiben können. Nicht nur, aber auch dank des Internets.

Birte Boullay

Im Glaubensbekenntnis sprechen wir im 3. Teil „… ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen…“. Die Gemeinschaft der Heiligen, das geht mir z.Zt. immer und immer wieder durch den Sinn. Bisher habe ich darüber eigentlich noch nie nachgedacht.

Kürzlich erreichte mich in meiner Arbeit im Seniorenheim ein Anruf: „Lasst Ihr die Menschen jetzt alleine sterben?“ Der Anrufer bezog sich auf das Besuchsverbot in den Seniorenheimen. Es ist leider zwingend erforderlich, wir müssen diesen besonderen Personenkreis schützen und doch ist es für mich ein großer Schmerz. Bewohner und Bewohnerinnen erhalten keinen Besuch mehr, Angehörige können ihren Lieben nicht physisch nahe sein, selbst Hospizhelfer mussten ihre Begleitungen einstellen. Als Mitarbeiter geben wir, was wir können! Aber reicht das? Und dahinein höre ich ganz neu von dieser Wirklichkeit: „... die Gemeinschaft der Heiligen...“.

Ist diese Wirklichkeit nicht immer um uns? Z.B. dann, wenn wir beten, jetzt allein zu Hause oder in der Familie Andacht halten, den Gottesdienst im Fernsehen oder im Internet mitfeiern, singen. Und ist sie nicht auch dann um uns, wenn wir den gegenwärtigen Augenblick bewusst und mit Feierlichkeit leben, wenn wir das, was wir tun, mit Liebe verrichten – egal, was es ist: Zuhören am Telefon, kochen, putzen, Wäsche bügeln, home-office, für die Kinder da sein, achtsam die Dinge einhalten, um die wir jetzt gebeten werden, den, der uns beim Spazierengang oder auf dem Weg zu Arbeit begegnet, grüßen… Und geht von dieser geistlichen Gemeinschaft in Gott, in der alle Grenzen zwischen Himmel und Erde aufgehoben sind, nicht eine starke Kraft aus, die – gleich den kommunizierenden Röhren - auch dort ankommt, wo Menschen allein sind, leiden, vielleicht auch allein sterben? Nicht nur bei uns, auch in der Lombardei, in Syrien, an der türkisch-griechischen Grenze… Ich möchte ganz neu an diese Wirklichkeit glauben!

Brigitte Pischner

 

 

Ich bin Pysiotherapeutin, arbeite und kommuniziere bis zu 12 Stunden am Tag mit Menschen und ich mache es wirklich gerne. Jetzt sind mir noch 2 Vormittage mit Notfallpatienten geblieben.
Mein Mann macht Homeoffice, ich nichts -. Zumindestens nichts „Wichtiges/Richtiges“.
Ich hätte schon zu tun, aufräumen, ausmisten usw., aber irgendwie zerfällt mein Tag im Denken: Du müsstest...

Mit dieser unruhigen Untätigkeit blättere ich in meinem Fastenkalender und stoße auf die Stelle mit dem Hefeteig, als die backende Oma zu ihren Enkeln sagt: „Jetzt kommt das Wichtigste, nämlich -  Nix, gehen lassen!

Wie zutreffend und aktuell ist diese Aussage jetzt für mich: Nix, gehen lassen – Geduld haben, warten, einfach warten, Hände in den Schoß legen, erkennen, dass mit Nichtstun, Wartezeit, Großes und Schönes entstehen kann.

Morgen backe ich einen Hefeteig, aber jetzt mache ich erst mal nichts.

Barbara Duile

Eine Woche liegt hinter mir ohne einen einzigen Termin. Ich bin ein alter Mensch. Da sind die Termine, die mir abgehen nicht die wie seinerzeit im Berufsleben. Aber es sind Termine, die eine gewisse Tages- und Wochenstruktur schaffen: Mittagsgebete in der Goldschmiede-Kapelle, Bridge-Tourniere, Gottesdienste, Ausbildungstermine zum Hospizhelfer, Enkeltermine, die mir besonders abgehen – und sonst noch das ein oder andere. Nichts mehr. Eine Woche ohne einen einzigen Termin. Es ist so, wie wenn einem beim Fahrrad die Kette rausspringt und man leer durchtritt.
Ich liebe Psalmen. Mit manchem Vers lebe ich, z.B. mit dem Wort „Meine Zeit steht in deinen Händen (Ps. 31, 16). Was heißt das jetzt, wenn meine Termine fehlen, auf die das Wort konkret in Beziehung treten könnte? Ist das Wort damit ausgehoben? Oder signalisiert mir die Krise, daß ich mich neu aufmachen soll, um zu verstehen? Da dämmert mir, daß Zeit mehr ist als termingefüllte Zeit. Es ist jede Woche, jeder Monat, jedes Jahr, ja meine ganze Lebenszeit, die in Gottes Händen stehen – unabhängig davon, was ich darin plane, gestalte, tue. Es entsteht ein neuer größerer Rahmen für die Zeit, die in Gottes Händen steht.  Er setzt beim gelebten Augenblick an und umfaßt meine gesamte Lebenszeit – egal ob ich darin aktiv bin oder ob ich in diesem Raum einfach nur gehalten und getragen bin. Soll ich nun sagen: Danke Corona-Virus für die erweiterte Einsicht?
Und noch etwas: Ich gehöre zu einer Risiko-Gruppe. Da ist es schon ein gutes Gefühl, daß nicht blindes Schicksal über mein Leben bestimmt, sondern daß meine Zeit in Gottes Händen liegt.

Helmut Jehle