Ich bin keine Ich-AG

und ich will es mir auch nicht einreden lassen...

Manchmal verrät ein einziges Wort viel über die Zeit, aus der er stammt. „Ich-AG“ ist so eins. Es konnte wohl nur in unserer Zeit entstehen und Karriere machen. Was unsere Zeit ausmacht: die zunehmende Individualisierung und die Durchökonomisierung unserer Welt in fünf Buchstaben gepackt. Plus ein Bindestrich. Die „Ich-AG“ hat das Denken einer Dekade geprägt: du bist für dich verantwortlich (und zwar im wesentlichen Du allein), und du musst halt schaun, dass du dich gut verkaufst.

Die Generation der in den 80er Geborenen mag den Begriff dennoch schon gar nicht mehr kennen. Aber die wissen darum, dass sie ihr eigenes Leben „kuratieren“ müssen – oder doch wenigstens ihre eigene „Timeline“ bei facebook&Co aktuell und attraktiv halten. Ansonsten hat man/frau/* in allen beruflich wie sozial relevanten Märkten das Nachsehen.

Nicht erst in Zeiten von Corona setzt das Menschen unter Stress. Oft mehr, als zu (er)tragen ist. Ich halte Depressionen und Burnout nicht für Modeerkrankungen, sondern für Krankheitssymptome einer Gesellschaft. Da ist in diesen Wochen sicherlich nicht mit einem Abflauen zu rechnen...

Der einjährigen Tochter meiner Nachbarn sind Corona, die Welt und ihre Sorgen ganz egal. Die spielt zu Hause im Garten, trägt Matschhose, freut sich am Wasser im Eimer, und strahlt mich mit einem unbeschwerten Kinderlächeln an. Manchmal bin ich neidisch auf sie. Ich habe mich gefragt, was sie uns Erwachsenen voraus hat. Die Antwort war augenfällig: Lea macht täglich die Erfahrung: ich muss mir keine Sorgen machen. Da sind Menschen um mich, die es gut meinen mit mir. Die Welt muss ein guter Ort sein, denn da sind Mama und Papa.

Meine eigenen Kinder sind älter. Denen ist irgendwann  gedämmert: der Papa ist gar kein Superheld. Und die Mama ist nicht nur dazu da, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Manchmal kann man mit der auch streiten. Besser also nicht alle Hoffnung in die Eltern setzen! An die Stelle des unbegrenzten Vertrauens in die Eltern ist ein zartes Pflänzchen namens Selbstvertrauen getreten. Das wird auch nötig sein. Die beiden werden sich im Leben mit mehr Entschlossenheit durchsetzen müssen, als ich das musste. Aus dem Ende meiner Schullaufbahn erinnere ich mich an die trostreiche Aussicht: „wer nix wird, wird Wirt." Das ist schon lange keine sichere Perspektive mehr.

Immerhin wissen meine Kinder wissen noch, dass alle notwendige Eigenverantwortung im Leben nicht alles ist. Die Eltern mögen älter werden und manchmal peinlich sein – aber sie sind da. Als Ansprechpartner, als jemand, der sie in den Arm nimmt, wenn das nötig ist, und manchmal auch, wenn man jemanden braucht, um seinem Ärger Luft zu machen.

Dass da noch Ansprechpartner sein könnten (ein altmodisches Wort dafür lautet „Freunde“) - so wie wir leben (und oft leben müssen), gerät uns das später allzu leicht in Vergessenheit. Und dann wird’s einsam und schwer.

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Kommt und lernt von mir.“ Diese Worte Jesu entdecke ich gerade neu. Im Coronaalltag des Jahres 2020, in einem Moment, wo wir gerade wieder am Hochtouren sind, höre ich sie als Worte eines Mannes, der viel Energie in  Beziehungsarbeit gesteckt hat. Vielleicht ist es erlaubt zu sagen, dass Jesus sich letztlich gar nicht als ein „Ich“, sondern als Teil eines umfassenderes „Wir“ gedacht hat. Der „Vater“ und er selbst - für Jesus eine Einheit. Wer er war, konnte er anders nicht beschreiben. Ein eigenes, abgegrenztes Ich als seines eigenes Glückes Schmied – die Vorstellung hatte in Jesu Denken keinen Platz.

„Kommt her und lernt von mir“, diese Worte Jesu bedeuten für mich in diesen Tagen: wenn du nicht gerade tatsächlich eine Ein-Personen-Firma führst und dir dieser Begriff dennoch passend erscheint, um dein Leben zu beschreiben, dann stimmt da etwas nicht. Mag sein, dass du gerade so leben musst, weil alles an dir hängt. Aber so sollst du nicht leben müssen. Nicht du ganz alleine mit all den kleinen und großen Sorgen auf deinen Schultern. Ich bin da. Gott ist da. Andere sind da. Komm her zu mir in deiner Mühsal und den Packen auf deiner Seele und lass los, was dir zu schwer ist. Wage zu vertrauen, wie du als Kind vertraut hast.

Das klingt naiv und vielleicht ist es das. Vielleicht gibt es das wirklich nicht: ein richtiges Leben im falschen, oder ein freies im gefangenen. Da wird mir an den Worten Jesu wichtig, dass die nicht zu einem Einzelnen gesprochen sind. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und last euch erquicken.“ Für mich der Aufruf zu einem gesellschaftlichem Neustart. Wir haben nun lange gelebt unter der Voraussetzung, dass ein jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Und damit sind wir  an vielen Punkten an Grenzen gestoßen. Die Zukunft unserer Erde, der Zusammenhalt der Gesellschaft, die Würde des Menschen, all das steht täglich auf dem Spiel.

Dass es „nach Corona“ nicht einfach weitergehen darf wie zuvor, das kann man oft hören in diesen Wochen und Monaten der Krise. Ich glaube, das ist tatsächlich so. Und vielleicht ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, um mit dem Irrtum Schluss zu machen, dass in der Welt letztlich jede und jeder ein Einzelkämpfer sein müsse. Eine gute Zeit, um neu zu entdecken, dass wir geschaffen sind, um Vertrauen zu üben, Offenheit, Begegnung. Dass uns im Miteinander, im achtsamen gegenseitigen Blick, im Mitfühlen die Kraft  zuteil wird, die uns Not tut, um diese Welt zu einem Ort zu gestalten, an dem gut sein ist. Und eine gute Zeit, es zu entdecken – und es zu wagen.

Thomas Hegner

 

Weitere "Gedanken zum Tag"

„Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr...“

- "als dass ein Reicher in den Himmel kommt." So jedenfalls behauptet die Bibel. Geworden ist daraus ein „Zeigefingerzitat“: wer das Bild zitiert, hat dabei einen anderen im Kopf, auf den er es münzt. Der Gemeinte wird als schlechter Mensch markiert: leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass gerade von dem etwas Gutes zu erwarten wäre.
Reichtum passt schlecht zum Christenmenschen – die Überzeugung findet sich auch anderswo. Von den  ers­ten Christinnen und Christen erzählt das Neue Testament, sie seien „ein Herz und eine Seele“ gewe­sen. „Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hat­te, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte... den Aposteln.“
„So waren wir nie“ - darin sind sich dann aber Ausleger über die Jahrhunderte einig. Dass Christen und Christin­nen alles miteinander geteilt hätten, dass ih­nen der persönliche Besitz nichts bedeutet habe, das habe so nie gegeben. Weiß man nicht genau, was der Verfasser dieser imaginierten Schil­derung sich eigentlich gedacht hat...
Am Anfang der evangelischen Kirche steht ein Mönch. Dessen Reichtum be­stand zunächst in einer Kutte, vielleicht auch in zweien. Dazu ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Wahrscheinlich erst mal keine eigene Bibel. Was was es ist, das uns heute so an unserem Besitz festhalten lässt?
„Ihr sollt es einmal besser haben.“ Dafür rackerten sich Väter und Mütter ab im Wirtschaftswunder­land. Und, in ihrer Zeit verständlich: wenn sie „besser“ sagten, meinten sie „mehr“, denn sie hatten am eigenen Leib erfahren: es ist besser, nicht zu hungern.
Zwei Generationen später sind das „Ha­ben-Wollen“ und das „Es-sich-leisten- Können“ mitunter fast ausschließliche Lebensinhalte. Gerade lernen wir ganz neu, dass das Wohl unserer Gesellschaft davon abhängt, dass wir wieder einkaufen. Mehr einkaufen. Dazu bekommen wir sogar Geld ge­schenkt. Weniger Mehrwertsteuer und 300 Euro für jedes Kind.
Ich kann die Entscheidungen der Politik gut nachvollzie­hen – aber ich sehe auch: Ein „Mehr“ im Materiellen bedeutet oft ein „We­niger“ an anderer Stelle. Wir leben in einem reichen Land. Aber dass wir so gut durch Corona gekommen sind, viel besser bei­spielsweise als die Italiener und die Spanier, das hat einen Grund auch darin, dass die Menschen dort noch Beziehungen zwischen den Generationen und sich darüber gegensei­tig angesteckt haben. In Deutschland gibt es Altenheime.
Zum guten und gelingenden Leben gehö­ren in erster Linie gelingende Beziehungen. Zu Gott, zu den Menschen, die mir zur Seite ge­stellt sind, zu Freunden. Eine Begegnungsfä­higkeit auch ange­sichts des Fremden, der mir gegenüber tritt. Doch wir leben beziehungs­vergessen, behandeln Bezie­hungen als ein „Nice-to-have“. Wenn nicht, dann halt nicht. Wir haben viel – aber oft keine Zeit.
Wenn einer in seiner Beziehungslosigkeit wenig anderes hat als das, das er tatsächlich besitzt, mit seinen Händen greifen kann, für den muss die Vorstel­lung,  auch das noch abgeben, wenigstens tei­len zu müssen, dann zwangsläufig bedrohlich sein.
Aber Angst macht blind. Wenn das Leben hängt an dem, was einer hat, wenn einer sich in einer Zeit, in der nahezu alle Bereiche des Lebens von Märkten, also von der Logik der Kon­kurrenz be­stimmt wird, ohne Unterlass um den Erhalt seines Habes, seines Rufes, seiner Karrierechancen sor­gen muss – wie soll der offen sein für den anderen? Wie soll der fähig sein, Beziehungen zu knüpfen oder zu pflegen? Wie soll der sich berühren lassen können von den Nöten ande­rer? Wie soll der anders leben, als er es tut? Wo wäre da ein Freiraum?
In einen solchen lädt uns die Erzählung vom Miteinander der ersten ChristInnen ein. Zwei Wochen nach dem Pfingstfest begeistert mich die Vi­sion einer Gemeinschaft von Menschen, die nichts „ha­ben“ müssen und ihr Leben gemeinsam leben. Befreit von der Grundangst, untergehen zu können. Menschen, die leben können, als Menschen in Beziehung, als solche, deren Glück und deren „Ich“ sich im Miteinander formt. Die sich anrühren lassen und zulassen können, dass Worte, Blicke, Ges­ten des Anderen ihr Inneres in Bewegung bringen. Als Menschen, die zum Glücklich-Sein kein Bankkonto brauchen.
Das ist ein ungewohnter, neuer freier, weiter Raum, in den wir da gestellt werden. Auf un­seren Fü­ßen, damit wir uns darin bewegen können. Schritte zu wagen, dazu sind wir eingeladen. Ein jeder, eine jede für sich, und dann auch, in Kirche und Gemeinde, miteinander, auf dass wir mitgestalten an einer nicht konkurrenz-, sondern beziehungsforientierten und damit menschenfreundlichen Welt.

Thomas Hegner

 

Warum der Heilige Geist lästig, aber gerade jetzt bitter nötig ist

Es ist die Woche vor Pfingsten - und Deutschland befindet sich in der Aufwachphase: Viele der Regelungen, die uns in den letzten Wochen voneinander ferngehalten haben, gelten nicht mehr. Die einen sehen das mit großer Sorge und raten zur Vorsicht, weil sie sich vor einer zweiten Welle der Infektionen fürchten. Die anderen freuen sich über ihre wiedergewonnene Freiheit und wagen sich vorsichtig in Läden, Cafés und Biergärten. Familienmitglieder sehen sich seit langer Zeit endlich wieder und Freunde treffen sich nicht mehr nur am Bildschirm, sondern live und in Farbe. Und in unseren Kirchen können nun wieder Gottesdienste stattfinden.
Die Maske, die wir alle dabei tragen müssen, erinnert uns daran: Es ist nicht vorbei. Wir haben den ersten Teil geschafft; was noch kommt, wissen wir nicht. Viele merken erst jetzt, wie verheerend die letzten Wochen waren: Therapeuten berichten über einen Anstieg psychischer Krankheiten. Pädagogen sorgen sich um diejenigen Kinder und Jugendlichen, die wochenlang mit ihren überforderten Eltern auf engem Raum eingesperrt waren. Die Kunstszene liegt brach - und unzählige Menschen stehen trotz der versprochenen staatlichen Hilfen vor den Scherben ihrer wirtschaftlichen Existenz.
Die Krise hat tiefe Spuren hinterlassen. Und selbst die, die persönlich ganz gut durchgekommen sind, merken: Unser Leben ist verwundbar, unsere Kultur ist verletzlich.
Viele Menschen sind tief verunsichert. Jedenfalls waren sie das für einen Moment. Was aber jetzt begonnen hat, ist die Schlacht um die Meinungsführung in der Aufwachphase. Und da darf man sich offenbar keine Blöße geben und keine Verunsicherung zeigen. Die Diskussion um Lockerungen tobt so heftig, wie man es vor ein paar Wochen noch nicht für möglich gehalten hätte.
In den sogenannten "sozialen Medien" fliegen die Fetzen zwischen den Vorsichtigen und den Ungeduldigen wie schon lange nicht mehr. Die Bild-Zeitung versucht, mit ihren großen Buchstaben das Ansehen eines international renommierten Wissenschaftlers zu zerstören. Und auf den "Hygiene-Demos" kommt eine irre Melange zusammen: Menschen, die unter Kontaktbegrenzung leiden und ihrer völlig berechtigten Sorge Ausdruck verleihen. Aber eben auch Anhänger von Verschwörungsmythen, Impfgegner, Wissenschaftsleugner, Reichsbürger und einfach nur gewöhnliche Rechtsextreme.
Der Moment der gemeinsamen Verunsicherung scheint vorbei. Die Chance, aus dieser Krise etwas zu lernen, scheint verstrichen, die Meinungsfronten verhärtet.
Es ist die Woche vor Pfingsten - und ich frage mich, was es heißt, in dieser Zeit auf den Heiligen Geist zu hoffen. Für mich ist der Heilige Geist zunächst einmal eines: nämlich lästig. Er ist die Kraft, die mich nicht in Ruhe lässt. Er verhindert, dass ich es mir in meinem Weltbild zu gemütlich mache; dass ich mich zurücklehne und alle Fehler immer nur bei den anderen Suche.
Der Heilige Geist ist Gottes Kraft, die mich über mich selbst hinaustreibt. Er verhindert, dass ich nur mit den Schultern zucke, wenn ich vom Leid der Menschen um mich herum höre. Er bringt mich - wenn es gut läuft - dazu, dass ich die Armut, die Not, den Schmerz der Welt nicht aus dem Blick verliere. Sondern aufstehe und das tue, was in meiner bescheidenen Kraft steht.
Der Heilige Geist, so stelle ich ihn mir vor, ist Gottes Gegenmittel gegen meine Bequemlichkeit. Und ja, das ist mir oft lästig. Manchmal gewinnt meine Bequemlichkeit - und ich bleibe eben doch auf dem Sofa sitzen. Aber das tut nicht gut. Mir nicht, und denen um mich herum auch nicht.
Übrigens glaube ich, dass der Heilige Geist ein großer Freund der Wissenschaft ist: Die Methode, immer in Bewegung zu bleiben, immer wieder seine eigenen Ergebnisse in Frage zu stellen, immer wieder auf Kritik zu reagieren und zu noch besseren Ergebnissen zu kommen, auch wenn man sich damit selbst korrigieren muss - das gefällt ihm sicher.
Was dem Heiligen Geist, an den ich glaube, nicht gefällt, ist Denkfaulheit. Oder, anders gesagt: Der Heilige Geist ist der Gegner jeder Ideologie, die sich immun macht gegen alle Einwände und Argumente. Wer nach ein paar Facebook-Postings und ein paar YouTube-Videos wirklich meint, er habe die Welt begriffen, wisse über die angeblichen Weltmachtspläne von Bill Gates bescheid, und müsse auf keine Argumente mehr hören - der, nun ja, erscheint mir nicht sehr geistvoll.
Und wer sich weigert, eine Maske zu tragen, auch der kann sich dafür sicher nicht auf den Geist berufen. Ja, ich glaube an den Geist, der Freiheit schenkt. Auch die Freiheit, anders zu sein als der Rest. Aber ich glaube nicht an den Geist der Rücksichtslosigkeit. Der Geist, den Jesus Christus uns versprochen hat, gibt gerne ein Stück Freiheit auf, wenn er dadurch anderen Menschen helfen kann. Diese furchtbar unbequemen Masken tragen wir zum Schutz der anderen - und wir ertragen sie aus der Liebe, die uns der Geist schenkt.
Der Heilige Geist hält uns in Bewegung, das ist das erste, was er tut. Und diese Bewegung hat eine Richtung: Sie ist die liebevolle Hinwendung zu denen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Es stimmt schon, das braucht Kraft, und nicht jeder und jede von uns hat Kraft - aber der Heilige Geist fordert nicht nur von uns, sondern er schenkt uns auch etwas. Er schenkt uns das, was wir für ein Leben in dieser Bewegung brauchen. Er schenkt uns das Vertrauen, dass Gott es letztlich gut mit uns meint. Er schenkt uns Trost, ohne den das Leid dieser Welt kaum auszuhalten wäre. Er schenkt uns die Hoffnung, dass es eine Welt ohne Leid und Jammer und Schmerz gibt. Und dass diese Welt schon jetzt in unsere Wirklichkeit hineinragt. Und er schenkt uns die Liebe, mit der wir merken: Es geht nicht immer nur um uns selbst, es geht erstmal um die, die uns brauchen. Ja, mehr noch: Es geht darum, dass wir uns gegenseitig brauchen.
Wir sind durch so viel getrennt: durch Ideologie und Rechthaberei, durch Geiz und Neid, durch Aggression und Unversöhnlichkeit. Dafür, dass wir diese Krise bisher besser gemeistert haben als viele andere Länder, ist ganz schön viel von dieser Unversöhnlichkeit unterwegs. Das ist für mich die eigentliche Sünde wider den Heiligen Geist. Deshalb hoffe ich, dass wir alle den Ton etwas runterschrauben. Gerade in dieser Situation der Ungewissheit, die für alle von uns schwer auszuhalten ist.
Erst wenn dies alles vorbei sein wird, werden wir wissen, was wir in diesen Tagen falsch und was wir richtig gemacht haben. Erst dann - nicht früher. Und dann wird gelten, was Bundesgesundheitsminister Spahn neulich im Bundestag gesagt hat: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Das mag zwar ungelenk formuliert sein, ich sehe darin aber Spuren des Geistes, der auch Geist der Vergebung ist.
Unsicherheit zugeben und entsprechend tolerant sein gegenüber den unterschiedlichen Versuchen der Politik, die Balance zu finden zwischen Gesundheit auf der einen und den wirtschaftlichen und sozialen Folgen auf der anderen Seite: Ich glaube, damit sollten wir jetzt schon mal anfangen. Ich verstehe es als unsere Aufgabe, als die Aufgabe der Kirchen, angesichts dieser Krise und der drohenden Spaltungen in unserer Gesellschaft möglichst laut und deutlich vom Geist der Barmherzigkeit, vom Geist der Vergebung und vom Geist der Hoffnung zu sprechen. Nein, nicht nur davon zu sprechen, sondern sich in allem, was wir sagen und tun, von ihm leiten zu lassen.

Niko Hueck

 

Aufatmen nach bald zwei Monaten. Die Geschäfte haben wieder geöffnet, die Straßen sind wieder belebter und sogar die Bundesliga ist wieder in Sichtweite. Das alles ist nicht wie früher, aber immerhin. Wir können unsere Enkel wieder treffen. Es war ja schon bizarr: da wohnen wir von der Familie des Sohnes 10 Minuten zu Fuß entfernt und mußten uns mit einem Treffen von Balkon zu Straße begnügen. Ostern: Versteckte Osternester im Vorgarten, dirigieren der Suche vom Balkon aus. 50. Geburtstag des Sohnes – an ein größeres gemeinsames Feiern war nicht zu denken. Was blieb war ein großer Gartentisch, um den sich die Familie gruppierte, die Großeltern in 2 m Abstand immerhin mit Kuchen und Tee. Das ist nun vorbei, auch wenn weiter die Vorsichtsmaßnahmen gelten.

Aufatmen auch an anderer Stelle: Dass Mittagsgebet in der Goldschmiedekapelle ist wieder möglich, auch das unter Vorsichtsmaßnahmen – in gehörigem Abstand und mit Mundschutz. Psalmen und biblische Lesungen haben einen ganz neuen Klang bekommen sagt einer. Lieder und Gebete werden zu einer unmittelbaren Ansprache. Sich unter dem Segen Gottes wieder in den je eigenen Alltag aufmachen zu können tut einfach gut.

Das ist noch keine Rückkehr zum Leben wie wir es kannten ehe das Virus über uns kam. Aber es ist ein Schritt, der Hoffnung macht.

Wo atmen Sie auf?

Aus der Sicht eines alten Ehepaares ist aber auch zu sagen: Es gab auch positive Seiten: Die Zeit war frei von Verpflichtungen und das Leben hatte sich verlangsamt und beruhigt.

Helmut Jehle

 

Heute ist mein Mann mit meinen Söhnen Fußball spielen gegangen. Oder einen Staudamm bauen, so genau wussten sie es noch nicht. Ich wollte in der Zeit noch schnell ein paar Löwenzähnen im Garten den Garaus machen und dann die Ruhe im Haus nutzen, um etwas zu arbeiten und dann noch eine Runde laufen gehen. Vielleicht dazwischen noch den Salat für‘s Abendessen vorbereiten.
Als ich mit dem Löwenzahn fertig war, stellte ich fest, dass die Terrassentür von innen verschlossen war. Ich kam nicht mehr ins Haus, hatte keinen Schlüssel, kein Telefon, nichts. Da waren nur der Garten, die Gartenwerkzeuge und ich. Halb so schlimm, das Wetter war schön, und wie lange würden sie schon weg bleiben? Eine Stunde? Eineinhalb? Ich beschloss, das Ganze positiv zu sehen: Was für eine glückliche Fügung eigentlich, ist doch sonst alles wichtiger als die Gartenarbeit!
Es dauerte nicht lange, bis sich mir erste Parallelen zwischen meinem Ausgeschlossensein und der Corona-Krise aufzudrängen begannen. Was auch sonst? Gibt es noch ein anderes Thema in der Welt?
Im von mir seit langem ignorierten hintersten Eck des Gartens entdeckte ich, dass unter der Rinde unseres alten Zwetschgenbaums Efeu wuchs, der erst auf 1,50 m Höhe nach außen drang und damit sichtbar wurde… Wie ein Corona-Patient, der schon lange infektiös ist, bevor er die ersten Symptome zeigt. Wie lautet wohl die Reproduktionszahl von Giersch? Von R=1 kann man da wohl nur träumen. Die Anzahl der Blätter jedenfalls hat sich in der letzten Woche mindestens vervierfacht. Warum kümmert sich niemand um Masken, die verhindern, dass Pusteblumen ihre Samen in den ganzen Garten verteilen? Wie kann man Gartenpersonal effektiv vor diesen unglaublich lästigen kleinen Fliegen schützen? Und natürlich: erzwungene Entschleunigung als Chance. Auf sich zurückgeworfen sein – gar nicht schlecht! Diese Ruhe!
Dann allerdings erinnerte ich mich an einen Artikel, den ich vor zwei, drei Wochen in der FAS gelesen habe. Die Autorin monierte, dass nun alle Welt versuche, der Krise etwas Positives abzugewinnen und das dann in Texten, die selten über das Niveau von Poesiealbum-Sprüchen hinausgingen, auch noch öffentlich mache. Ich hatte mich beim Lesen ein bisschen ertappt gefühlt. Hatte ich nicht auch schon öfters geschwärmt, dass ich praktisch keinen Stress mehr mit den Kindern habe, seit wir nie mehr pünktlich irgendwo sein müssen? Freue ich mich nicht auch über den Himmel ohne Kondensstreifen? Vielleicht sollte ich das in Zukunft besser für mich behalten?
Also Schluss, Efeu ist Efeu, Giersch ist Giersch, Löwenzahn ist Löwenzahn, und sie alle wachsen wirklich sehr, sehr schnell. Eine Stunde im Garten ist in absolut keiner Weise vergleichbar mit dem Lock-down ganzer Volkswirtschaften. Eines hatte mein persönlicher Lock-out aber doch gemeinsam mit unser aller Corona-Krise: Er dauerte länger, als ich es mir anfangs vorgestellt hatte. Die Herren haben Fußball gespielt UND einen Staudamm gebaut.

Birte Boullay

 

 

Anfang dieses Jahres haben meine Schwester und ich uns auf einer längeren Autofahrt ausgemalt, wie es wäre, wenn jemand für ein Jahr das Internet ausstellte - weltweit. Wir waren uns schnell einig, dass einige wichtige Funktionen erhalten bleiben müssten; aber wie wunderbar wäre es, wenn nicht mehr jedes Ereignis und jede Äußerung in Echtzeit veröffentlicht und x-fach kommentiert würde; wenn Facebook und Twitter wieder durch Treffen, Telefonate und Pressemeldungen ersetzt würden. Wie viele sinnlose Trends würden gar nicht erst entstehen; wie unaufgeregt und entschleunigt würde der politische und gesellschaftliche Diskurs stattfinden; wie gut täte es dem örtlichen Einzelhandel, der Umwelt, den Kindern… Die (fast) internetfreie Welt, die wir uns ausmalten, war schön!
Wer hätte ahnen können, dass binnen weniger Wochen tatsächlich die Welt auf den Kopf gestellt würde. Zwar unter anderen Vorzeichen, nämlich durch ein Virus, das uns zu jenem Zeitpunkt nur aus kurzen Tagesschau-Meldungen vom anderen Ende der Welt bekannt war; aber doch in der Art, dass jeder, aber auch wirklich jeder Mensch auf der Erde davon auf die eine oder andere Weise betroffen ist. Das von uns in unserem Tagtraum als verantwortlich für alle möglichen Übel unserer Zeit geschmähte Internet ermöglicht nun Großeltern und Kindern, sich wenigstens auf einem Bildschirm zu sehen. Es hilft Schülern, bei geschlossenen Schulen weiter zu lernen. Es eröffnet Künstlern und Musikern neue Wege, mit ihrem Publikum in Verbindung zu treten. Es sorgt dafür, dass unzählige Neuinfektionen nicht stattfinden, weil Menschen von zu Hause aus arbeiten können. Es vernetzt Wissenschaftler weltweit, die mit seiner Hilfe Daten übertragen und sich austauschen können.
Hier sitze ich, nachdem ich heute Vormittag einen Gottesdienst online gesehen habe und werde diese Gedanken gleich per Mail abschicken, damit sie auf der Website von St. Anna erscheinen, und freue mich, dass unser Tagtraum vom Januar nicht Wirklichkeit geworden ist. Wir alle werden heilfroh sein, wenn die Corona-Gefahr eingedämmt ist (ich wage nicht, tagzuträumen, auf welche Weise das geschehen könnte), wenn wir uns wieder persönlich begegnen und vielleicht sogar in den Arm nehmen können, wenn die Kinder wieder über den Schulhof laufen und Kollegen wieder ein Schwätzchen am Kopierer halten können, wenn all die abgesagten Taufen, Konfirmationen, Geburtstagsfeiern, Konzerte, Opern und Fußballspiele nachgeholt werden. Aber was für ein Glück, dass wir in der Zwischenzeit miteinander in Kontakt bleiben können. Nicht nur, aber auch dank des Internets.

Birte Boullay

Im Glaubensbekenntnis sprechen wir im 3. Teil „… ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen…“. Die Gemeinschaft der Heiligen, das geht mir z.Zt. immer und immer wieder durch den Sinn. Bisher habe ich darüber eigentlich noch nie nachgedacht.

Kürzlich erreichte mich in meiner Arbeit im Seniorenheim ein Anruf: „Lasst Ihr die Menschen jetzt alleine sterben?“ Der Anrufer bezog sich auf das Besuchsverbot in den Seniorenheimen. Es ist leider zwingend erforderlich, wir müssen diesen besonderen Personenkreis schützen und doch ist es für mich ein großer Schmerz. Bewohner und Bewohnerinnen erhalten keinen Besuch mehr, Angehörige können ihren Lieben nicht physisch nahe sein, selbst Hospizhelfer mussten ihre Begleitungen einstellen. Als Mitarbeiter geben wir, was wir können! Aber reicht das? Und dahinein höre ich ganz neu von dieser Wirklichkeit: „... die Gemeinschaft der Heiligen...“.

Ist diese Wirklichkeit nicht immer um uns? Z.B. dann, wenn wir beten, jetzt allein zu Hause oder in der Familie Andacht halten, den Gottesdienst im Fernsehen oder im Internet mitfeiern, singen. Und ist sie nicht auch dann um uns, wenn wir den gegenwärtigen Augenblick bewusst und mit Feierlichkeit leben, wenn wir das, was wir tun, mit Liebe verrichten – egal, was es ist: Zuhören am Telefon, kochen, putzen, Wäsche bügeln, home-office, für die Kinder da sein, achtsam die Dinge einhalten, um die wir jetzt gebeten werden, den, der uns beim Spazierengang oder auf dem Weg zu Arbeit begegnet, grüßen… Und geht von dieser geistlichen Gemeinschaft in Gott, in der alle Grenzen zwischen Himmel und Erde aufgehoben sind, nicht eine starke Kraft aus, die – gleich den kommunizierenden Röhren - auch dort ankommt, wo Menschen allein sind, leiden, vielleicht auch allein sterben? Nicht nur bei uns, auch in der Lombardei, in Syrien, an der türkisch-griechischen Grenze… Ich möchte ganz neu an diese Wirklichkeit glauben!

Brigitte Pischner

 

 

Ich bin Pysiotherapeutin, arbeite und kommuniziere bis zu 12 Stunden am Tag mit Menschen und ich mache es wirklich gerne. Jetzt sind mir noch 2 Vormittage mit Notfallpatienten geblieben.
Mein Mann macht Homeoffice, ich nichts -. Zumindestens nichts „Wichtiges/Richtiges“.
Ich hätte schon zu tun, aufräumen, ausmisten usw., aber irgendwie zerfällt mein Tag im Denken: Du müsstest...

Mit dieser unruhigen Untätigkeit blättere ich in meinem Fastenkalender und stoße auf die Stelle mit dem Hefeteig, als die backende Oma zu ihren Enkeln sagt: „Jetzt kommt das Wichtigste, nämlich -  Nix, gehen lassen!

Wie zutreffend und aktuell ist diese Aussage jetzt für mich: Nix, gehen lassen – Geduld haben, warten, einfach warten, Hände in den Schoß legen, erkennen, dass mit Nichtstun, Wartezeit, Großes und Schönes entstehen kann.

Morgen backe ich einen Hefeteig, aber jetzt mache ich erst mal nichts.

Barbara Duile

Eine Woche liegt hinter mir ohne einen einzigen Termin. Ich bin ein alter Mensch. Da sind die Termine, die mir abgehen nicht die wie seinerzeit im Berufsleben. Aber es sind Termine, die eine gewisse Tages- und Wochenstruktur schaffen: Mittagsgebete in der Goldschmiede-Kapelle, Bridge-Tourniere, Gottesdienste, Ausbildungstermine zum Hospizhelfer, Enkeltermine, die mir besonders abgehen – und sonst noch das ein oder andere. Nichts mehr. Eine Woche ohne einen einzigen Termin. Es ist so, wie wenn einem beim Fahrrad die Kette rausspringt und man leer durchtritt.
Ich liebe Psalmen. Mit manchem Vers lebe ich, z.B. mit dem Wort „Meine Zeit steht in deinen Händen (Ps. 31, 16). Was heißt das jetzt, wenn meine Termine fehlen, auf die das Wort konkret in Beziehung treten könnte? Ist das Wort damit ausgehoben? Oder signalisiert mir die Krise, daß ich mich neu aufmachen soll, um zu verstehen? Da dämmert mir, daß Zeit mehr ist als termingefüllte Zeit. Es ist jede Woche, jeder Monat, jedes Jahr, ja meine ganze Lebenszeit, die in Gottes Händen stehen – unabhängig davon, was ich darin plane, gestalte, tue. Es entsteht ein neuer größerer Rahmen für die Zeit, die in Gottes Händen steht.  Er setzt beim gelebten Augenblick an und umfaßt meine gesamte Lebenszeit – egal ob ich darin aktiv bin oder ob ich in diesem Raum einfach nur gehalten und getragen bin. Soll ich nun sagen: Danke Corona-Virus für die erweiterte Einsicht?
Und noch etwas: Ich gehöre zu einer Risiko-Gruppe. Da ist es schon ein gutes Gefühl, daß nicht blindes Schicksal über mein Leben bestimmt, sondern daß meine Zeit in Gottes Händen liegt.

Helmut Jehle