Der Ostchor

Vom konfessionellen Konflikt zur gemeinsamen Erklärung

 

Der Weg für St. Anna von der Klosterkirche eines Bettelordens bis zur evangelischen Hauptkirche in Augsburg war von konfessionellem Streit, Kriegen, Zerstörung und Ausgrenzung geprägt, aber auch von Wiederaufbau, Versöhnung und einem gemeinsamen Glauben der Bürger an die besondere Bedeutung dieser Kirche.

Das evangelische Bildprogramm im Ostchor symbolisiert den entscheidenden Wendepunkt in der Historie von St. Anna. Vom 16. bis ins 17. Jahrhundert wechselte mehrfach die konfessionelle Zuordnung. St. Anna war die Kirche des Alten Glaubens, wurde evangelisch und im Dreißigjährigen Krieg wieder katholisch, erlebte eine kurze evangelische Blüte, als die Schweden Augsburg besetzten, fiel dann wieder zurück an die katholische Seite und unter jesuitische Hoheit. Erst mit dem Westfälischen Frieden von 1648 fand St. Anna den bis heute endgültigen Status als evangelisch-lutherische Kirche. In einer Stadt der Parität, wo alle Ämter und Funktionen zu gleichen Teilen katholisch und evangelisch besetzt wurden, war das weitere Zusammenleben nicht ohne Wettbewerb und Kontroversen, aber grundsätzlich friedlich. Erst In unsere Zeit fällt ein bedeutender Akt der Ökumene: die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre wurde 1999 hier unterzeichnet. St. Anna steht heute nicht für das Trennende, sondern für die Stärkung der Gemeinsamkeit. Und so unterstützen auch Bürger aller Konfessionen den Erhalt „ihrer“ Kirche im Herzen der Stadt. 

 

Geschichte des Ostchors

Durchgang

Der Ostchor war ursprünglich den Mönchen für ihre Messen vorbehalten und durch einen Lettner vom Hauptschiff getrennt. Ein Lettner ist eine Art hoch gebaute Schranke mit Durchgängen und einer Empore. Nach dem 30jährigen Krieg wurden die zwei spitzbogigen mittleren Durchgänge des Lettners zu einem runden, breiten Bogen zusammengefasst. Die gotische Grundstruktur mit den seitlichen Spitzbögen blieb erhalten. Der Ostchor wurde also nicht wie das Hauptschiff barockisiert. Man nutzte ihn vor allem für Taufen und Trauungen und für kleinere Gottesdienste, wie die Aufstellung eines Altars im Jahr 1650 belegt. 

 

 

Von der kargen Kirche zum Ort der großen Bildkunst

Ostchor

Vor dem Westfälischen Frieden von 1648 war die Bildausstattung von St. Anna eher dürftig, es waren in der „…reformierten Hauptkirch (…) keine Bilder zu finden“, wie ein Besucher 1603 feststellt. Noch für 1681 ist belegt, dass Gemälde leihweise zu festlichen Anlässen in die Kirche getragen wurden. Das sollte sich mit der Barockisierung der Kirche grundlegend ändern. Um 1684 setzte ein regelrechter Boom an Bildstiftungen ein, wie alte Mesnerinventare zeigen. Der reiche Bildbestand im Ostchor, überhaupt der Großteil des Bildbestands in der Kirche, ist also einer regen Stiftertätigkeit der Bürgerschaft im Barock zu verdanken. Nachdem die Erstausstattung der Kirche vollzogen war, kaufte die Gemeinde selbst weitere Bilder an. Dazu kamen bis ins 18. Jahrhundert hinein weitere hervorragende Kunstwerke aus Stifterhand, so z.B. die Cranachbilder. 

Nahezu alle Bilder im Ostchor hingen früher an anderen Stellen. Im 19. Jahrhundert und noch einmal im 20. Jahrhundert wurden die Bilder dann umgehängt und im Ostchor konzentriert. Das Bildprogramm mit seinen ganz unterschiedlichen Themen, Entstehungszeiten und Künstlern ist als Erzählung des evangelischen Glaubens zu verstehen.

 

 

Kunst für jeden Glauben

 

Der Begriff „Katholische Kirche“ im Sinne einer Konfession ist erst mit dem Konzil von Trient (1545-1563) offiziell eingeführt worden. Er entstand in den Auseinandersetzungen der Reformation im Gegenüber von „Altem und Neuem Glauben“. Glaubensunterschiede waren für Künstler und Auftraggeber nicht unbedingt ein Hindernis, denn die Wirtschaft funktionierte unabhängig von der Konfession.

Lucas Cranach d. Ä. (1472 -1553) schuf zusammen mit den Gehilfen in seiner Werkstatt tausende Gemälde und Druckvorlagen, viele davon mit evangelischen Motiven. Cranach vertrat die Ideen der Reformation und war befreundet mit Philipp Melanchthon und Martin Luther. Mit seinen zahlreichen Lutherporträts verhalf er dem Reformator zu großer Popularität.